Still ist es hier geworden. Aufschlussreich, dass ich über drei Monate in San Francisco genau null Blog-Einträge verfasse. Und schwupps bin ich schon wieder in Hongkong, den gesamten September über.
Mal was vollkommen vom Thema Abweichendes: Wer sich bisher wie ich nicht für die Bundestagswahl begeistern konnte (wer kann das schon), die/der sollte unbedingt beim Wahl-O-Mat reinklicken. Da wurde mir dann doch plötzlich sehr deutlich, warum ich unbedingt wählen sollte, sei es um gewisse Entscheidungen zu unterstützen oder andere Dinge verhindern zu wollen. So egal kann einem das eigene Land gar nicht sein, dass man zu den Thesen dort keine Meinung hat.
Hongkong wird immer wieder als “freiester Markt der Welt” gepriesen - das stimmt aber nur sehr ungefähr und nur, wenn man nicht so genau hinschaut. Wer hier länger lebt, wird mit den allgegenwärtigen Quasi-Kartellen mal mehr (Supermärkte, Wohnungsbau, Versorger) und mal weniger direkt konfrontiert werden.
Wer ein wenig über die Hintergründe wissen möchte, lese Joe Studwells Buch Asian Godfathers - Money and Power in Hong Kong and South-East Asia, das spannend (und deprimierend) beschreibt, wie korrumpiert Wirtschaft und Politik hier und in den umliegenden Ländern sind.
Ist es ein Wunder, wenn man manchmal nur abschalten möchte und sich eben genau nur Konsum und den “schönen Dingen des Lebens” widmet, statt sich wirklich mit den Geschehnissen dieser Welt auseinanderzusetzen?
Wieso ich das überhaupt mache, frage ich mich. Es grenzt an Masochismus. Wenn ich Nachrichten aus den verschiedenen Ländern (USA, Deutschland, Hongkong, China) sehe, höre, lese und vergleiche, möchte ich manchmal anfangen zu heulen über die Ungerechtigkeiten und Unglücke und unnötigen Missverständnisse, die auf dieser Welt geschehen. Wieso betrifft mich das? Ich wünschte, ich könnte einfach abschalten, wie manche dieser Menschen um mich herum, die sich um nichts außer um ihre direkte Umgebung kümmern und mit den naivsten Vorstellungen durchs Leben gehen. “Ignorance is a bliss” - es wird immer so sein.
Die Unbelehrtheit, mit der Medien und Menschen über jeweils andere Länder urteilen, ist erschreckend. Es erschlägt einen manchmal geradezu. Es geht doch auch anders, das beweisen viele Menschen aus meinem Freundeskreis.
Hm. Während die USA gestern ihren Unabhängigkeitstag feierten, hatte Hongkong am 30. Juni den zehnten Jahrestag der “Rückkehr” zu China. Fast das Gegenteil. Eine Abhängigkeit durch die andere ersetzt. Ich verweise auf zwei Articel im Economist:
Hm. Das Spielchen gibts bei uns ja auch. Die Polizei zählt soundsoviele Teilnehmer an einer Demo, die Veranstalter einige mehr. Irgendwo dazwischen liegt dann meist die Wahrheit.
In Hongkong liegen die Zahlen diesmal jedoch krass weit auseinander, wie Glutter berichtet. Die Tagesschau beruft sich auf “Medienangaben” (welche auch immer) und hat sogar einen kleinen Videobeitrag.
... und damit meine ich nicht Hinterhöfe Hongkongs oder Industriestädte in China, sondern die gegenseitige Abneigung der Japaner und Chinesen.
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich Fremdenhass, Rassismus oder ganz einfache Vorurteile ziemlich mißmutig und betrübt machen. Dazu gehörten zum Beispiel die Kommentare eines indischen Freunds von mir darüber, dass “die Juden” in seiner Investmentberatungsfirma “geldgeile Schweine” seien und er sie grundsätzlich nicht leiden könne ... schlimm. Ich habe mir den Kommentar verkniffen, dass ich mir auf der anderen Seite auch schon negative Äußerungen über das Geschäftsgebaren der Menschen vom Subkontinent anhören musste.
Aber zurück nach China ...
(Tut mir leid, ich weiß, dass das nicht hierhin gehört, aber ich muss einfach.) Das ist ja ein echtes Trauerspiel, was momentan in der deutschen Politik abgeht.
Schlimm schlimm schlimm, die US-Firmen. Zuhause das 1. Amendment hochhalten und im Ausland (sprich China) sich einen Sch** um Menschenrechte kümmern. Jüngstes Beispiel ist Yahoo in Hongkong - eigentlich rechtlich nicht dazu verpflichtet, half und hilft Yahoo bei der Zensur von für Chinas Regierung mißliebigen Informationen.
Hongkongs prominentestes Weblog zum Thema Menschenrechte und Politik dürfte Yan Sham-Shackletons Glutter sein. Auch wenn Hongkong um Lichtjahre freier und aufgeschlossener als die Volksrepublik ist - Yan gebührt Respekt für ihre Offenheit und ihren Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Statt eigener Inhalte: Artikel über den Machtwechsel in Hongkong bei Telepolis.
... kann man es nicht sagen. Was will ich eigentlich mit einer Greencard für ein Land, in dem die Dummen offensichtlich in der Mehrheit sind?
(dank an Steffen)
... zu lesen, dass auch Amerikaner genau dieses Gefühl haben: Die USA benehmen sich wie das vorlaute, aggressive, austeilende Kind in der Klasse, das keiner mag. Nehmen sich alle Rechte raus, ohne jemals auf andere zu achten.
Dabei sind sie eine der ältesten Demokratien der Welt und sollten doch ein Vorbild sein. Hoffen wir, dass es doch noch gut ausgeht. Nach Umfragen führt ja Kerry nun hauchdünn.
Für alle IBE-Studenten: Ja, die Site ist von tatsächlich dem Tanenbaum!
Und leider nicht allzu gut fürs demokratische Lager. Nach den Hochrechnungen haben die Demokraten zwei Sitze mehr gewonnen, die “Democratic Alliance for the Betterment of Hong Kong” (= Pro-Peking) einen Sitz mehr.
So richtig zugelegt hat also keiner. Wahlbeteiligung lag mit ca. 53% so ungefähr auf den letzten Werten.
... ist man versucht zu sagen, wenn man den Artikel der FTD zu Fischers Besuch in China liest. Wird da doch Chinas Außenminister wie folgt zitiert: “Es erfülle Peking ‘mit großer Freude, dass die Bevölkerung Hongkongs entsprechend der Gesetze die Rechte ihres Vaterlandes besitzt’.”
... von der Demonstration am 1. Juli bei Cloudless.net, wo es noch sehr viel mehr wunderschöne Photoalben mit Motiven aus Hong Kong gibt.
Während ich gestern zwölf Stunden geschlafen habe und jetzt für eine weitere Klausur morgen lernen muss, protestieren in Hongkong hunderttausende Menschen anlässlich des siebten Jahrestages (einer der wenigen Feiertage in HK) der Rückgabe an China für mehr Demokratie. Hoffentlich ein deutliches Zeichen in Richtung Peking!
Siehe Civil Human Rights Front und Artikel bei Tagesschau, BBC World oder auch Google News ...
Update: Stefan zitiert auf China in the News noch einen Artikel aus dem Economist.
Wie man bei der Tagesschau sehen konnte, haben alle weiße T-Shirts zum Zeichen der Solidarität getragen - auch die Hongkonger, die nicht zur Demo gehen konnten. Witzig fand ich die Aussage Emily Laus “aber die Zentralregierung soll auch wissen, dass wir keine Unabhängigkeit wollen, sondern Demokratie” - ist doch der Vorwurf, man wäre kein Patriot (= Separatist) das übliche Totschlagargument gegen Regierungskritiker. (Erinnert sich jemand an das Leben des Brian? “Spalter!")
Update 2: Claudio hat noch ein paar Bilder mehr als nur das übliche News-Agentur Zeug.
(Gargs, schon wieder endlos Zeit vergangen ...)
Tung schreibt über die ätzenden Öffnungszeiten in Deutschland - das wird für Hongkonger tatsächlich absolut unverständlich sein. Mir ging und geht es immer noch so, dass es mich auch nervt, dass Supermärkte hier nicht jeden Tag von 7:00-23:00 Uhr geöffnet haben.
Heute vor 15 Jahren wurden die Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz brutal niedergewalzt. Wieviele unbewaffnete Menschen dabei von der Armee erschossen oder von Panzern überrollt wurden, weiß man bis heute nicht genau.
Bei China in the News sind ein paar Links zu Artikeln aus der Süddeutschen, Spiegel und dem Economist zu finden.
Laut BBC News erwartet die Organisation Human Rights in China etwa 60.000 Teilnehmer an einer Lichterkette in Hong Kong. Hong Kong und Macau sind eine der wenigen Orte unter der Kontrolle Pekings, wo Gedenken an das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens zugelassen sind.
Wie man schon bei Retrakker sehen konnte, hat China eine kleine Geste in die Richtung der Forderungen nach freien Wahlen in Hong Kong gesendet.
Wie man bei der Tagesschau und (besser) bei BBC News lesen kann, sind tausende von Menschen auf den Straßen gegangen, um gegen Chinas neuesten Versuch zu protestieren, die Rechte Hong Kongs zu beschneiden.
... ist ein lesenswertes Blog von Stefan Krempl and Nikola Wohllaib, die Nachrichtenbeiträge über China sammeln und kommentieren. Stefan hat auch diverse Telepolis-Artikel geschrieben.
Ja wie geil ist das denn?! Mail von Foo Li Pra (hatte ich im Aqua kennengelernt) - er arbeitet bei der HSBC und hat mir das hier gemailt:
Die Hong Kong Monetary Authority will die Bindung des Hong Kong Dollars an den US-Dollar zugunsten des Euros ersetzen.
Die offizielle Pressemitteilung kommt wohl erst am Montag, aber das oberkrasseste ist: Hong Kong führt sogar Euro-konforme Münzen ein! Der Hong Kong Dollar wird zwar weiterhin Dollar heißen und soweit ich das verstanden habe, bleiben auch die jetzigen Scheine weiter erhalten, aber auf lange Sicht soll man in Hong Kong sogar offiziell mit Euros bezahlen können.
Geht es cooler?
Update: Ich lasse mir nachher noch einen Artikel aus der South China Morning Post schicken, da steht wohl noch mehr drin ...
Update 2: For my non-German friends: This press release is going to be announced next monday, a friend of mine told me. (He is working as a manager at the HSBC). He will send me some more news articles later this day, he promised.
Das hier ist der Text von der HKMA:
During a speech held at the Hong Kong Foreign Bank Representatives Association Luncheon, Joseph Yam, Chief Executive of the Hong Kong Monetary Authority (HKMA), announced a major shift in HKMA’s Linked Exchange Rate System. Mr. Yam announced that the fixed exchange rate of the Hong Kong dollar to the U.S. dollar will be changed in favour of the Euro. “This is to reflect our strong economical relationship to Europe,” Mr. Yam said. Hong Kong’s exports to Europe make up about 50 percent of the total exports (without China), representing a value of over HK$ 230 million in 2003. According to HKMA sources, fixing the Hong Kong dollar to the Euro should boost this numbers up by at least 80 percent.
“The dependency on the U.S. dollar has posed some threats to local economy over the past decades,” Mr. Yam explained. “The Euro system has proved to be a strong counterweight to U.S. financial policy.” In an effort to reduce U.S. influence on the ASEAN area, Hong Kong’s plan might have a knock-on effect for other regions as well, Mr. Henry Tang, Financial Secretary of the Hong Kong Special Administrative Region added.
By January 1, 2006, even consumers shall be able to pay with Euro banknotes and coins in the HKSAR. While there is no plan to replace Hong Kong banknotes, the Hong Kong Monetary Authority will issue a new series of coins that meets Euro standards.
Mr. Yam unveiled three phases for the plan that has been negotiated in talks with the European Central Bank (http://www.ecb.int) over the last five years:
1. Switch to fixed exchange rate of EUR1 to HK$7.50 by January 1, 2005
2. Accepting the Euro as valid concurrent currency in the HKSAR by January 1, 2006
3. Issue of new coins in the HKSAR by January 1, 2006
Mr. Yam made it clear that the name of the HK dollar will not be changed to “HK Euro”. Furthermore, he said that this plan has been prepared over several years and it is not a response to current U.S. foreign policy.
For further enquiries, please contact:
Jasmin Fung, Manager (Press), at 2878 8246 or
Thomas Chan, Senior Manager (Press), at 2878 1480
Hong Kong Monetary Authority
April 5, 2004
Update 3:
This has been my Aprils Fool’s of course. I am happy it worked so well. (^_^)
Und auf Deutsch: Das hier war natürlich mein persönlicher Aprilscherz. Hat gut funktioniert, eine Menge Leute sind drauf reingefallen. :-)
Eigentlich wollte ich mich hier nicht politisch äußern, aber einige merkwürdige Meinungen meiner Kommilitonen bringen mich dazu, das hier doch zu tun. Hier kommt jetzt ein sehr sehr langer Aufsatz, tut mir leid, aber ich muss das loswerden.
Das ist echt bitter: Liu Di, Psychologiestudentin in China, ist wegen eher harmloser Kritik an Chinas Politik ins Gefägnis gesteckt worden. Mehr darüber bei Heise und bei Hong Kong Voice of Democracy.
Ha! Der heutige 6. Jahrestag der Rückgabe Hong Kongs von den Briten an China war Feiertag. Stephan und ich nutzten das, um nach Tap Mun Chau zu fahren. Irgendwann rief ein Freund von ihm an und meinte, dass sie sich abends das Feuerwerk im Hafen ansehen würden. Wir meinten noch scherzhaft: "Hehe - das sagen die eh ab: ‘Wenn ihr soo böse seid und gegen uns protestiert, gibt es auch kein Feuerwerk’", denn heute waren große Demonstrationen gegen den Artikel 23 angesagt. (Worum es genau geht, schreibe ich auch noch mal).
Und was sagen die Gerüchte gerade: Feuerwerk abgesagt wegen der Proteste! Ha!
Update: Es war wohl gar kein Feuerwerk geplant. Anyway, Bigwhiteguy hat ein Foto von der Demo auf seiner Seite.
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