*puh*. Kann man Kantonesisch lernen oder kann man es nicht? Ganz ehrlich - ich glaube, dass für die meisten, die sich für die Sprache interessieren, der Ratschlag der richtige ist, den ich am Anfang am häufigsten hörte: “Vertrau mir: Lass es sein, das lohnt sich nicht.”
Seit drei Wochen prügel ich mich nun mal wieder ernsthafter mit der Sprache rum. Eine echt harte Nuss.
Der schwierigste Punkt für mich war, den Einstieg zu finden. Es stellte sich einfach heraus, dass der von den meisten favorisierte Weg anscheinend nicht der richtige für mich ist. Dazu kommt der Kampf mit der Literatur.
Kantonesisch (Guangdong-wa) ist der Chinesisch-Dialekt, der in Hongkong und der angrenzenden Provinz Kanton ("Guangdong", daher der Name) gesprochen wird. Wie Mandarin (= “Hoch"-Chinesisch, die offizielle Amtssprache Chinas) handelt es sich um eine tonale Sprache, das heißt die Bedeutung eines Wortes ändert sich mit dem Ton. Das ist für Sprecher westlicher Sprachen ziemlich ungewohnt, denn dort ändert sich die Betonung eigentlich nur, um zum Beispiel eine Aussage von einer Frage zu unterscheiden oder um Emotion auszudrücken, Worte sind jedenfalls nicht untrennbar mit einem speziellen Ton verbunden. Speziell für Deutsche mit ihrer gleichbleibend monotonen Aussprache, die ja meist bereits französische oder englische Aussprache für exaltiert halten, kann das eine besondere Hürde sein.
Kantonesisch als “Dialekt” zu bezeichnen ist dazu etwas untertrieben. Im Chinesischen bedeutet das nämlich nicht nur unterschiedliche Aussprache, sondern in diesem Fall auch noch andere Grammatik und Schreibweise. Während man bei Mandarin vier oder fünf Töne kennt, gibt es im Kantonesischen sechs Töne, die sich komplett anders anhören.
Darüberhinaus verwendet man in Hongkong (wie in Taiwan) traditionelle chinesische Zeichen, während man in der Volksrepublik seit einer Schriftrefom in den 50er Jahren in vereinfachten Zeichen schreibt. Auch hier: “Vereinfacht” ist für die meisten Westler ein Euphemismus, das darf man echt nur relativ verstehen. Netterweise gibt es dazu noch ein paar Zeichen, die es nur in Hongkong gibt. Für Windows kann man diese speziell bei Microsoft runterladen, da sie im “normalen” Chinesisch-Schriftpaket nicht enthalten sind.
Um die Sache noch komplizierter zu machen, wird in Hongkong in offiziellen Medien und den meisten Zeitungen, wie auch in den Schulen gelehrt nach Mandarin-Grammatik geschrieben, demgegenüber weist Kantonesisch gesprochen wie in Alltag, Filmen, Musik oder gedruckt in nicht so formalen Druckwerken teilweise andere Strukturen und Konstruktionsformen auf. Das erklärt übrigens, warum viele Hongkonger einem eher abwertend erklären, Kantonesisch sei nur “Slang”.
Zu den Tönen: Während bei Mandarin die Töne ziemlich deutlich zu unterscheiden sind, ist das im Kantonesischen schon nicht mehr so einfach der Fall. Solltest du schon Mandarin für nicht unterscheidbar halten, kannst du den Unterschied zwischen Dur und Moll nicht hören oder kriegst du schon für englisch oder französisch die Betonung nicht richtig hin, wirds happig, echt.
Es gibt im Kantonesischen 6* unterschiedliche Töne. Man sehe sich folgende Grafik an, die die Tonhöhen von Ton 1 bis 6 einer Aufnahme bei sehr deutlicher Betonung visualisiert (man merke sich die Töne am besten in dieser Reihenfolge):
* Ältere Literatur spricht von 7 oder manchmal sogar 9 Tönen, das kann man aber getrost ignorieren
Wie man sich vorstellen kann, liegt die Schwierigkeit nun darin, ein System für die Umschreibung der Laute zu finden, das auch noch die Töne mit einbaut. In Sprachkursen und Büchern trifft man am häufigsten auf das Yale-System. Nachdem ich das zu Beginn am einfachsten fand, muss ich jetzt nach einiger Zeit sagen, dass ich “Jyutping” einleuchtender finde. Aber hier erst einmal eine Tabelle zum Vergleich:
| Ton (mp3) | Jyutping | Yale | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| 1 - High Level | maa1 | mā | gleichbleibend hoch |
| 2 - High Rising | maa2 | má | ansteigend zum hohen Ton |
| 3 - Mid Level | maa3 | ma | gleichbleibend neutral/mittelhoch |
| 4 - Low Falling | maa4 | màh | tief fallend |
| 5 - Low Rising | maa5 | máh | ansteigend zum mittelhohen Ton |
| 6 - Low Level | maa6 | mah | gleichbleibend tief |
(Fortsetzung folgt)
Das Yale System, auch Pin-Yin genannt, ist die einzige Uebersetungsform, die von der PRC anerkannt wird, und damit auch von der UNO. Taiwan greift auf dieses System nicht zurueck.
Habe selbst vor einem Jahr angefangen Putonghua zu lernen und davor Cantonese, aber HKG ist dazu der falsche Platz, weil a) von offizieller Seite Englisch immer noch Amtssprache ist (zu Cantonese und Putonghua), b) in HKG und der Bevoelkerung doch sehr verbreitet ist und die Leute sehr schnell ins Englische wechseln, c) hier viele Overseas Chinese leben, die eh nur noch die Basics von Canto koennen und deshalb von sich auf Englisch wechseln, d) die Menschen hier, auch wenn sie Canto reden, viele Englische woerter “eingedeutscht” haben. Das merkt man speziel, wenn man rueber nach China oder Taiwan faehrt. Natuerlich gibs hier auch viele Menschen, die Englisch fast ueberhaupt nicht beherschen, wenn man sich aber in der “City” HKG aufhaelt, trifft dies nicht zu. HKG ist halt die Stadt der Gegensaetze ;-)
Ich hab ja vor nem Jahr in Jena mit Mandarin angefangen. Für mich sind die Zeichen und die Betonung auch am schwersten, was sonst.
Hab aber noch nicht aufgegeben. Ich konzentriere mich aber nicht mehr auf das Zeichnen der Zeichen, sondern nur noch Lesen, Sprechen Hören.
Gott sei Dank gibts hier en pa Mädels die mir dabei helfen und denen ich widerum deutschen Smalltalk beibringe.
Also nicht aufgeben und am besten ein canto-english female dictionary suchen. Wenn du weisst was ich meine ;-)
Also ich denke nicht, dass Pinyin und Yale das gleiche Transkriptionssystem sind. Der tone sandhi macht es meiner Ansicht nach noch schwieriger. Hat man einmal ein Zeichen mit einem Ton verinnerlicht, so stellt sich der Ton je nach Kontext wieder ganz anders dar.
Sorry,
aber da ist doch einiges durcheinandergekommen. Die Amtssprache in Hongkong ist ganz sicher nicht nur Englisch sondern auch Chinesisch.
Was die Umschreibungen/Romanisierung angeht - ich habe nur über Kantonesisch geschrieben, für Mandarin (Putonghua) ist Pinyin wirklich ein anerkanntes Sytem und Florian hat recht - das hat mit Yale nichts zu tun. Für Kantonesisch hingegen gibt es da nichts “offizielles” - jeder kocht so sein Süppchen. Neben Jyutping und Yale ist zum Beispiel noch Sidney Lau ein verbreitetes System und um die Konfusion perfekt zu machen benutzt die Hongkonger Regierung für Ortsnamen eine weitere richtig dämliche Methode, auf die ich hier jetzt nicht eingehe.
Die Töne im Mandarin und Kantonesisch haben kaum Ähnlichkeit miteinander und die Aussprache vieler Worte ist dazu noch komplett verschieden. Beispiel: 1 = Yī (Mandarin), Jat1 (Kantonesisch)
Und klar, wer sich nur in den “Gwailo"-Gebieten wie Central, Wan Chai und TST aufhält, der mag vielleicht den Eindruck gewinnen, dass Kantonesisch auf dem Rückmarsch sei. Trotzdem sehr abstruse Theorie. Dass viele ABCs, BBCs und CBCs (American/British/Canadian Born Chinese) nicht mehr richtig Kantonesisch können, tut mir leid für sie, hält mich aber trotzdem nicht davon ab weiterzulernen, hier gibts noch einige Millionen Menschen mehr. ;)
Wer Chinesisch für die Karriere lernen will, der sollte wirklich nicht seine Zeit mit Kantonesisch verplempern, aber hey, wenn ich Karriere machen wollen würde, dann wäre ich jetzt auch woanders ...
Erstmal sollte man meinen Text richtig lesen und nicht ueberlesen, denn ich habe niemals behauptet, das Englisch ganz und alleine offizielle Amtssprache von HKSAR ist, sondern zu Cantonesisch und Putonghua dritte offizielle Amts-und vor allem Handelssprache ist. Desweiteren wollte ich keineswegs mit meinem ersten Eintrag den Eindruck erwecken, das die Menschen hier eher Englisch als Cantonesisch sprechen. Dem ist bei weitem nicht so, ich muss nur an die Taxifahrer hier in HKG erinnern. Was ich vielmehr zum Ausdruck bringen wollte ist, das Englisch in HKG nicht als Fremdsprache angesehen werden kann, so wie etwa in Deutschland, Japan, PRC oder sonst wo. Dazu ist diese Sprache hier zu gefestigt, was man auch schon feststellt, wenn man sich die Chinesen hier unterhalten haellt, bei dem dann jedess vierte oder fuenfte Wort aus dem englischen stammt. Man erinnere nur an das Bye-byeeeeeeee, das nur in HKG Anwendung findet und nicht etwa in der PRC oder Taiwan. Oder eben gerade bei mir auf Arbeit, wo Englisch Unternehmenssprache ist, wie bei fast allen grossen Unternehmen hier in HKG. Bitte wieder nicht falsch verstehen, ich meine damit bestimmt nicht, das sich die Chinesen deshalb auf Arbeit nicht auf Cantonesisch unterhalten, sondern eher den Umstand, das man in HKG auch arbeiten kann, und zwar auf hohem Niveau, ohne das man ein Wort Cantonesisch koennen muss. Wenn das in Dtl. so waer oder Frankreich, koennt ich mir jetzt schon die Schlagzeilen der Bild vorstellen....Um es auf den Punkt zu bringen. Wenn man Cantonesisch oder Putonghua lernen moechte, sollte man nach Taiwan, Shanghai oder Canton gehen, aber nicht nach HKG, weil man hier immer auch mit englisch beschallt wird, auf englisch ausweichen kann oder muss, weil es meistens immer jemanden in der Runde gibt, der kein Cantonesisch kann, dafuer aber Englisch. Die Englaender haben den Hongkongern halt mehr hinterlassen, als man annehmen wuerde. Zu Pin-Yin, es handelt sich hierbei um ein Uebersetzungssystem um die Laute des Putonghua zu romanisieren und Du hast, wenn Du sagst, das Yale und Pin-Yin nicht ein und das selbe sind, aber es stimmt nicht, das Yale nur fuer die romanisierung des Cantonesischen benutzt wird. Bis zur Einfuehrung von Pinyin wurde Yale auch fuer Putonghua angewendet, sogar fuer Japanisch und Koreanisch.
Was die Strassennamen betrifft, kann man eh nur den Kopf schuetteln hier. Das englische Bezeichnungen wie Prince Edward, Stanley oder Causeway Bay, die wir in den latainischen Buchstaben auf den Strassenschildern lesen, nicht mit den chineschischen Schriftzeichen uebereinstimmen, ist nachvollziehbar. Das aber auch chinesische Bezeichnungen, wie z.B. Wing Lok Lane nichts mit der chinesischen Entsprechnung zu tun haben, mach es fuer die Taxifahrer und einen selbst nicht sehr viel leichter *g*
Hey hey, locker bleiben.
Du wirst zugeben, dass dein Kommentar missverständlich formuliert war.
Der Druck Kantonesisch zu lernen, ist in Hongkong wahrhaft nicht besonders hoch. Es gibt kaum Gegenden, wo man nicht mit Englisch weiterkommt und Schilder etc. sind alle zweisprachig. Dadurch, dass viele Hongkonger Englisch in der Schule gelernt haben, kann man sich meist auch so unterhalten oder zumindest verständlich machen und - ja - die Hongkonger selbst machen es einem nicht einfacher, da sie häufig von selbst im Beisein eines Ausländers auf Englisch wechseln.
Trotzdem, es gibt genügend Gelegenheiten Kantonesisch zu üben und auch wenn die Hongkonger viele Loan-Words benutzen, der Sinn eines Satzes erschließt sich einem nicht nur mit Englischkentnissen.
Man könnte natürlich auch Kantonesisch in der Provinz Kanton üben und natürlich *nicht* in Taiwan oder dem Rest Chinas - dort spricht man kein Kantonesisch. Eher schon in San Francisco ;), aber der Sprachgebrauch ist dort schon wieder etwas anders als in Hongkong selbst.
Recht hast du, was das Arbeiten in Unternehmen angeht - in Hongkong leben und arbeiten erfolgreich tausende von Expats und von denen können wahrscheinlich maximal 1% Kantonesisch.
Hallo, ich bin eine Hongkongerin, aber ich wohne seit 3 Jahre in Deutschland und lerne im Moment Deutsch. Ich hoffe, dass Sie mein Deutsch verstehen.
Ja, ich glaube, dass Kantonesisch schwere für Ausländer ist. Aber Deutsch ist auch SUPER schwere für Asiaten...zumal mündlich...ich spreche Deutsch wie ein Radio ohne Batterie...viele Wörte schaffe ich nicht auszusprechen :-(
Aber Im Vergleich mit der Deutschen Grammatik, die Chinesische Grammatik ist viel leichter. z.B, wir haben keinen Unterschied zwischen Pronomen und Subjekt, kein Nomen im Plural und Tempus, keine Deklination und Fälle, usw.
Schöne Grüße
Hi alle miteinander (außerhalb china`s geborenen), die durch lernen so gut chinesisch sprechen können. Ich bin zwar chin-o-phil und liebe asien, doch immer wieder habe ich hemmungen, mich an die sprache zu wagen ... so, wie kompliziert ihr kenner alle schreibt.. wie soll da ein laie durch"sehen"...? wer erbarmt sich meiner und versucht es ganz von anfang an ??
grüße
andreas
Hi Andreas,
einfach mal bei der Volkshochschule Deiner Stadt reinschnuppern - oder einer Stadt in Deiner Naehe. Da gibt es sicher einen Chinesischkurs ;)
Ich habe das anlaesslich einer Konzertreise nach China getan, und mich inviziert!
Jetzt nach 3 Jahren war ich wieder in China, und habe meine Herzensdame besucht! Sie kann kein Deutsch und nur sehr wenig Englisch - also ist die Unterhaltung nur auf Chinesisch moeglich, und im Grossen und Ganzen koennen wir uns verstaendigen :) - zur Not gibt es immernoch ein Woerterbuch ;)
再见 ~~ 好运
Die Yue Menschen waren ursprüchlich keine Chinesen (Han), wurden ca. 10. nach Chr. von Han Chinesen besiegt und assimiliert. Daher kam Unterschiede in der Aussprache und Gramatik.