Darüber geht es in einem Artikel der Zeit. Ich sollte wohl langsam mal eine neue Kategorie “Interkulturelles” aufmachen.
Die Zwischenüberschriften bringen es übrigens auf den Punkt: Nichts ist mir unangenehmer aufgefallen als "Deutsche sind ungeduldig und hören nicht auf Zwischentöne" bei den Deutschen im Ausland. Fehlt nur noch die Eigenschaft Überheblichkeit, die auch gerne von unseren Landsleuten an den Tag gelegt wird. Ein wenig Diplomatie und Zuhören, bevor man etwas sagt, stände einigen Menschen ganz gut zu Gesicht.
Die Aussage "Chinesen glauben an die Wahrheit – und gleichzeitig an ihr Gegenteil" habe ich wiederum auch erlebt. Kann rechtwinklige deutsche Hirne ganz kirre machen.
Hier mal ein kleines Beispiel mit meinen Thesen:
Deutsch: “Also ist das so?”
Chinesisch: “Ja.”
Deutsch: “Aber ich habe es auch so gesehen, was ist nun richtig?”
Chinesisch: “Beides ist möglich.”
Deutsch: “Das kann doch aber nicht sein, dies und das schließen sich logisch aus.”
Chinesisch: “Ich weiß nicht, manchmal ist das eine und manchmal das andere richtig.”
Deutsch: “Das ist doch nicht möglich! Denk mal darüber nach, das geht doch gar nicht.”
Chinesisch: “Ich habe darüber so nicht nachgedacht.”
Deutsch: “Du wirst mir doch aber zustimmen, dass das mit Logik so nicht funktioniert. Es kann nur eine richtige Lösung geben”
Chinesisch: “Hm. Vielleicht.”
Ergebnis: Sprachlosigkeit auf beiden Seiten. Häufig liegt das Problem eher in der Kommunikation, weshalb auch in diesem Dialog das konkrete Thema vollkommen irrelevant ist. Der/die Deutsche hat bereits eine vorgefertigte Meinung und hat bereits das Ziel vor Augen. Häufig herrscht ein fast digitales Denken vor: Lösung existiert oder eben nicht. Das ganze Denken ist sehr geradlinig und ergebnisfixiert. Es wird sozusagen vom antizipierten Ergebnis aus rückwärts gedacht.
Bei den Chinesen scheint das Vorgehen (aus deutscher Sicht) furchtbar langsam zu sein. Das Ziel ist eher schwammig definiert, man bewegt sich langsam in die ungefähre Richtung vor. Im Grunde gehen so viele unterschiedliche Faktoren in eine Aufgabe ein, dass es nicht möglich (und auch gar nicht notwendig) ist, diese so festzunageln und hart abzugrenzen, wie die Deutschen das versuchen. Morgen hat sich sowieso wieder alles geändert.
Problem: Deutsche argumentieren aus chinesischer Sicht sehr aggressiv. Insbesondere so Aussagen wie “du wirst mir doch zustimmen” sind sehr persönlich und führen nur dazu, dass sich die chinesische Seite unwohl fühlt und zurückzieht. Sieht man sich mal die vorletzte Zeile des Dialogs an, sieht man, dass mit dieser Totschlagargumentation (die übrigens meist gar nicht bewußt so gemacht wird - Deutsche diskutieren eben so) dem Gesprächspartner (aus chinesischer Sicht) keine Wahl mehr bleibt, als zuzustimmen oder gar nichts mehr zu sagen. Deutsche empfinden das übrigens meist nicht so und reagieren auch anders, indem sie sich häufig in einen Schlagabtausch über “Sachfragen” begeben.
Zum Thema Verträge - Deutsche erwarten Partnerschaft mit bedingungsloser Übereinstimmung und Durchziehen bis zum bitteren Ende, während den Chinesen eher ein “gemeinsam ein Stück gleichen Weges bewältigen” gefällt, was aber nicht ausführlich diskutiert werden muss. Außerdem sind die Chinesen dabei eher pragmatisch - sollten die Ziele der Partner wieder auseinandergehen, trennt man sich wieder, nichts Schlimmes dabei.
Wie gesagt, diese Theorien basieren auf meinen subjektiven Erfahrungen und Gefühlen. Für Kommentare, Anmerkungen, Kritik und andere Meinungen bin ich dankbar.
Hallo,
guter Artikel. Dazu fällt mir noch das chinesische 差不多 ‘cha bu duo’-Denken ein. Dieser Begriff bezeichnet eine Ungenauigkeit bezogen auf den Grad einer Sache, Zeit, Ort dengdeng. Hängt vielleicht auch mit dem Yin-Yang-Denken ("Chinesen glauben an die Wahrheit – und gleichzeitig an ihr Gegenteil") zusammen.
“Kommst du aus England?”
“Nein, aus Deutschland.”
“Cha bu duo.”
Die Unterschiede, die für die Söhne des Sokrates wichtig sind, verwischen bei den Söhnen Laozis eher. Wie du auch schreibst: “Morgen hat sich sowieso wieder alles geändert.”
Florian
Manuel Vermeer, der im Zeit-Artikel zitiert wird, ist übrigens nicht Dozent für Marketing Ostasien, sondern Dozent am Studiengang Marketing Ostasien (inzwischen jedoch umbenannt). Dort unterrichtet er Chinesisch. Habe lange bei ihm die Schulbank gedrückt.