Gegenüber der Ohnmacht, die ich sonst gegenüber meinen Gefühlen gelegentlich erlebe, ist das mal eine willkommene Abwechslung. Es ist ein wenig wie von der Welt getrennt zu sein, ich befinde mich in ihr, aber alles was sich um mich dreht und bewegt, kümmert mich nicht besonders, ich bin in meinem abgeschlossenen System unterwegs.
Eigentlich sollte ich nervös und ängstlich sein im Angesicht der im wahrsten Sinne des Wortes negativen Vorzeichen, unter der meine Zukunft nach herkömmlichen Maßstäben zu stehen scheint. Merkwürdigerweise bin ich das nicht. Ich fühle mich so, als wäre ich in den letzten Wochen ein großes Stück weiter gekommen, denn mit über einem Jahr Verspätung scheinen langsam Veränderungen einzutreten, auf die ich lange gewartet hatte.
Wer weiß schon, was den Ausschlag gegeben hat. Die Reise in die USA war sehr schön - und hat mir einmal mehr klar gemacht, dass mein Unterbewusstsein anscheinend stärker ist, als ich das je annahm. Wer hätte sonst darauf hingesteuert, dass alles so kam, wie es jetzt ist? Hatte ich es mir nicht immer so gewünscht? Freunde haben in Chicago und New York, bei denen man im Zweifelsfall übernachten kann. Sich über die gemeinsamen Erlebnisse in Hongkong unterhalten. Zu wissen, dass man in New York die richtigen Plätze kennt und dazu jemanden hat, der diese auch zu schätzen weiß. Und nicht zuletzt zu beweisen, dass diese Welt wirklich klein ist, wenn man Menschen auf der Durchreise von den Bermudas nach HK trifft, die man vorher nur vom Sehen aus Central Hong Kong Island kannte. Etwas zu teilen.
Vielleicht war es das. Vielleicht aber auch die schreckliche Angst, die ich vorletzten und letzten Monat noch verspürte. Die Gewissheit, die mich packte, dass ich irgendwann einmal nicht zurückschrecken würde vor dem letzten Schritt, den ich nie gewagt hatte zu tun. Es würde eine Sache der Wahrscheinlichkeit werden, reifte so langsam die Erkenntnis in mir. Bring dich häufig genug in bestimmte Situationen, irgendwann wird es passieren. Was sollte mir also noch Angst machen? Die Geschehnisse auf dieser Erde sind klein und irrelevant im Universum.
Ich bin nicht unglücklich darüber, wo ich jetzt bin. Es hätte schlimmer kommen können. Immerhin genieße ich Privilegien, die nicht selbstverständlich sind. Trotzdem: Probleme sind relativ. Wer das anerkennt, mit dem mag ich mich auch unterhalten.
Zu sich selbst zu gelangen ist ein langer Weg. Das Alleinsein zu akzeptieren ist ein Schritt. Sich freizumachen vom Urteil Anderer ein weiterer. Selbstsicherheit zu erlangen der nächste. Mit sich selbst in Übereinstimmung zu kommen der schwierigste. Klar beneide ich die Menschen, denen ein besseres Schicksal widerfahren ist. Ich werfe mir selbst auch nicht mehr vor, diejenigen zu verachten, die ihre grenzenlose Dummheit und sinnlosen Moralvorstellungen nicht überwinden wollen und ganz allgemein ihre Weltanschauung nicht übersteigen können. Das alles betrifft mich aber nicht mehr so stark. Ich habe meine Mitte vergrößert.
Vielleicht ist es also gar nicht Gefühlskälte, es ist nur große Ruhe, ein stiller Ozean im Sonnenuntergang. Ich bin noch lange nicht zuhause angekommen, aber die Abzweigung auf der ich gerade unterwegs bin, ist interessant. Ich möchte gerne alt werden, wenn auch nicht so schnell. Ich will mehr erleben, viel mehr. Ich würde gerne Sicherheit erlangen in einigen Bereichen, aber das ist mehr Wunsch als Notwendigkeit.
Ungeklärt, aber nicht beunruhigend: Ein Job Geld muss her, das lässt sich nicht vermeiden. Und ein paar Träume will ich in die Wirklichkeit umsetzen. Wichtiger: Es gibt ein paar Menschen, die viel Platz in meinem Herz einnehmen, bei denen ich nicht weiß, wie ich mich zu ihnen verhalten sollte.
Was steht im nächsten Kapitel?