(Fortsetzung von hier)
Achtzehn Stunden später tauchten die Inseln von Hongkong im Dunst auf. Altbekannte Gefilde, aber meine Gefühlswelt war nicht in Ordnung. Eigentlich glücklich, so unerwartet wieder in meiner Traumstadt zu sein, aber gleichzeitig unheimlich angespannt wegen meiner Fehlleistung. Ich konnte die Ankunft nicht wirklich genießen.
Dementsprechend kleinlaut war ich auch die nächsten Tage. Dass ich in Fanling, nahe der Grenze zu Shenzhen und weit weit weg von “der Stadt” bleiben würde, half zum Glück dabei, unter Radar zu fliegen - ich kündigte mich bei keinen Freunden an und blieb die meiste Zeit in der Wohnung. Ruhe - das hatte ich gebraucht. Ich konnte mich wieder auf mein Projekt konzentrieren.
Deutlich war, wie sehr ich die Umgebung vermisst hatte. Mögen andere Leute Hongkong stressig und die Hongkong-Chinesen für nervig halten - mir geht es genau umgekehrt. Hongkong bietet einfach alles, was ich brauche an einem Platz. Die atemberaubendste Skyline der Welt. Eine Kulisse, die jederzeit filmreif ist - von Science-Fiction über architektonische Meisterwerke bis hin zu szenischen Hinterhöfen und -gassen, chinesischen Siedlungen und purem Dschungel. High-Fashion, Luxusautos und elende Straßenmärkte. Unmengen von Schicksalen. Herzlichkeit und Großstadtgefühl. Jedes neueste technische Gadget sofort verfügbar. Die besten Restaurants überhaupt - von ultrateuer bis zur kleinen Garküche in der Straße. Alleine die Dinge wiederzusehen reichte schon, mich einigermaßen wiederherzustellen.
Im Computer Centre von Sham Shui Po fand ich dazu ein Buch, das ich dringend gesucht hatte. Ich hatte alles, was ich brauchte - aber natürlich wusste ich, dass dies nur ein vorübergehender Zustand sein würde.
Darüberhinaus erntete ich bei einigen Freunden ziemliches Unverständnis. Gehört nicht hierhin; sicher nur, es trug nicht zur Ausgeglichenheit bei.
Ohne Geld, ohne Plan - es hat Auswirkungen: Sorgenfalten kann man echt haben, die Anspannung war physisch spürbar, diese Falte zwischen den Augenbrauen grub sich immer tiefer in mein Gesicht. Wie weiter jetzt? Keine Ahnung, weiterhin.
Ich wollte aber auch nicht darüber nachdenken. Der Flug zur Modewoche nach London war schon klar, dann würde ich ca. eine Woche zu meinen Eltern nach Hannover und daraufhin nach Paris. Die Tage vergingen schnell.
Am 13. Februar hob CX255 Richtung Großbritannien ab. London war ganz okay, dasselbe Apartment wie das letzte Mal, ein paar bekannte Gesichter, nicht viel los.
Da kam E-Mail von Google - noch in San Francisco hatte ich mich für einen schlechtbezahlten Teilzeitjob per Internet beworben - ich würde in Betracht gezogen. Oh Mann, bittebittebitte, das wäre jetzt echt eine Erlösung.
Davor lag aber noch die Einsendung diverser Unterlagen und eine Art kleiner Einstellungstest. Okies. Geduld. Wieder in Hannover machte ich meine Unterlagen klar und schickte sie an die Westküste. Teuer so etwas, wenn es schnell gehen soll. Zwischendurch war der Test. Ging ganz gut.
Anfang März dann nach Paris. Auch hier fast das gleiche Programm wie in London - das gewohnte Apartment, der gleiche Tagesablauf. Besseres Essen in Geschäften und Restaurants.
Dann Nachricht aus den USA - der Test war bestanden, ich war angestellt. Mein erster amerikanischer Paycheck sei unterwegs. So simple Dinge können eine so große Wirkung haben. Geld! Ich würde meine zukünftige Miete zahlen können! Der Effekt war irre, ich hatte unversehens gute Laune. Der Aufenthalt in Paris war vorher schon gut gewesen, aber jetzt konnte ich ihn richtig genießen, nicht mal das Regenwetter konnte es mir vermiesen.
Dabei ist die Entlohnung mies, für 15 US$ die Stunde habe ich schon lange nicht mehr gearbeitet. Demotivierend auch, dass schnelles Arbeiten nicht belohnt wird. Aber egal, erstmal ist der Job sehr gut. Kann ich machen von wo ich will und lässt mir genügend Zeit für anderes.
Vorletzten Sonntag kam ich aus Paris wieder, Dienstag bis Donnerstag war ich schon wieder kurz in London für einen anderen kleinen Job. Jetzt hänge ich in Hannover und will hier weg. Furchtbar, diese Stadt.
Kommenden Montag vielleicht. Idee soweit: Flug nach SF. Mit Mietwagen nach Davis, meine Sachen einladen. Dann Highway 101 runter nach LA, dort dann Wohnung suchen. Muss klappen. MUSS
Hannover ist furchtbar?!
stimmt!
7 Jahre hab ich da verschwendet...bevor mich ein ähnliches Leben ereilte…
saludos cordiales,
christoph