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Donnerstag, 6. November 2008, 12:26 Uhr

Mannomann

Es passiert so viel und ich habe so wenig Zeit zu schreiben. Das Leben überrollt mich gerade. Zwei Wochen Heimaturlaub in Hannover, Omas 90. Geburtstag.

Irre: Ich war elf Monate nicht mehr in Deutschland. So lang ist das gar nicht und trotzdem wird es hier immer fremder und ferner für mich.

Alles ist unglaublich sauber und super verarbeitet, poliert, massiv, wertvoll und in Schuss - es ist beeindruckend. Unheimlich, was hier an Werten herumsteht. Die Menschen fahren ihre teuren und geputzten Autos über teppichgleichen einwandfreien Straßenbelag, Kleidung ist gewaschen und gebügelt. Alles sitzt und steht, Organisation ist alles.

Dagegen besteht Amerika aus Pappmaché, Sperrholz und irgendwie zusammengeschusterten Notlösungen. Nur sieht das dort keiner.

Aber gefällt’s mir hier? Nein. Langeweile macht sich breit. Zugegeben, Hannover ist nicht der Nabel der Welt; wenn ich aber den Fernseher anmache, wenn langsam die Erinnerung wiederkehrt, wie unterirdisch schlecht deutscher Humor und Umgangsformen sind und was die erschreckende Sprachunfähigkeit angeht - da bleibt nur die Flucht ins Ausland und das Lesen deutscher Autoren, die einem weit weg vom Alltag im Vaterland dann die Vorstellung vermitteln, Deutschland sei tatsächlich das Land der Dichter und Denker. Tja, romantische Verklärung.

Norddeutschland im Herbst ist das Land ohne Himmel. Können sich das Menschen in anderen Ländern überhaupt vorstellen? Hier wird es morgens “hell”, aber der Himmel bleibt eine graue Suppe ohne Tiefe, ohne Fixpunkt. Genauso habe ich mir früher das “Nichts” aus der Unendlichen Geschichte vorgestellt. Deprimierend. Nicht, dass ich nicht nachvollziehen kann, dass der Herbst seine Reize hat - mir fehlen zum Beispiel tatsächlich lange Waldspaziergänge - aber in der Kombination ist mir das hier alles viel zu viel. Dieses ätzende konturlose Streulicht, das für mich alles in eine Art Totenruhe taucht ... schauderhaft. Ich weiß jetzt schon, wie glücklich ich sein werde, wenn auf dem Weg von SFO nach Soma vor mir South San Francisco auftaucht und sich darüber die grandiose kalifornische Wolken- und Himmelsarena ausbreitet. Liegt es eigentlich an diesem Licht, dass hier in Deutschland alle Menschen so grau aussehen? Hmmm, ich werde unfair.

Themenwechsel: US-Wahl - Yes we can! Obamas Siegesrede in Chicago hätte so auch genau in West Wing inszeniert gewesen sein können. Zumindest muss ich mich für die Greencard nicht mehr so schämen ... hoffen wir, dass der vielbeschworene Wechsel auch eintritt. Absurdes US-Wahlsystem hin, schlimmste Lebensumstände hin- oder her: Beeindruckend! Ich wünschte, es gäbe mal den einen oder anderen Politiker mit so einer Strahlkraft in Europa. Uh oh, oder ist es genau das, wie Berlusconi seine Wahlen gewinnt? Dann lieber Merkel.

Und privat? Ha, ich wünschte ich könnte das hier ausbreiten. Die letzten zwei Monate hätten die komplette Season einer Fernsehserie füllen können. Aus Gründen des Anstandes und Respekts gegenüber anderen muss ich hier leider schweigen. Besinnung wäre angebracht, denn es ist nicht fair, wie ich manche Menschen um mich behandle, nur weil mir persönlich vieles nicht so viel bedeutet wie ihnen. Die Gefühle und Empfindungen sind Realität, das muss ich endlich beachten. Ich selbst brauche mehr Stimulation, aber was für mich eine spannende Erfahrung ist, ist für andere eine emotionale Folterkammer.

Trotzdem: Wenn es für Menschen ein Ziel darstellt, ein sicheres Leben mit Partner, Kind, Haus und sicherer Arbeitsstelle zu führen, dann verurteile ich das nicht und mache mich darüber auch nicht lustig, aber man möge mir wiederum bitte die Freiheit zugestehen, etwas anderes zu tun. Ich will mehr erleben. “Sicherheit und Geborgenheit” steht bei mir nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

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Kommentare:

Ich liebe diesen Blog! Christian, du sprichst mir hier mal wieder aus der Seele!

Gruß Chris

Chris am 06.11.08 um 23:44 Uhr

Schön wieder etwas von Dir zu lesen und dann noch so wahre Worte.
Aber will man nicht immer das, was man nicht haben kann?

Etienne am 07.11.08 um 20:51 Uhr

Zu diesem Bericht kann ich nur “WOW” sagen. Hat mich sehr beeindruckt. Trotzdem hat Deutschland seine Vorteile, die in den USA wohl nicht so schnell Alltag werden. Aber egal, die Punkte, die du hier aufgeführt hast, stimmen schon. Vor allem jetzt im Herbst ist die Depression jedesmal am schlimmsten. Aber egal, ich will hier nicht rumheulen. Ich möchte ja auch im Ausland leben, nur hat es bisher nicht geklappt. Nun ja, die USA sind einfach nichts für mich, auch wenn dieses Land seine Reize hat. Es ist wohl immer so bei Auswanderern. Einmal raus aus Deutschland und sich an die Annehmlichkeiten des neuen Landes gewöhnt und schon fragt man sich dann kurze Zeit später, wie man es nur in Deutschland ausgehalten hat. Ist das bei dir so?

Christian2 am 08.11.08 um 00:11 Uhr

hey christian

ich habe eine frage an dich, sie hat zwar null mit diesem blogeintrag zu tun, aber da du schon so lange in hong kong lebst hatte ich gehofft, du koenntest sie beantworten. ich werde noch im november dort ankommen und auch nur ganz kurz bleiben. dank der ankunftszeit meines flugzeuges werde ich mich zwischen 20:00 und 22:00 uhr durch tsim sha tsui und mong kok bewegen muessen, und zwar mit einem schweren rucksack bepackt. ist das noch sicher, sind noch viele leute unterwegs oder muss ich mir da gedanken machen und sollte lieber zuerst woanders schlafen?
wie ist es allgemein mit der sicherheit in hong kong?
ich wuerde mich ueber eine schnelle antwort dreuen.
danke
ramona

ramona am 09.11.08 um 00:27 Uhr

Hey Ramona,

Hongkong ist extrem sicher, du musst dir keine Gedanken machen. Statt Sicherheit wird es nur eher nervig, sich mit Gepäck durch Mong Kok zu bewegen!

“TST” (Tsim Sha Tsui) kann nur nervig werden, weil man da als Tourist ständig angelabert wird.

In Mong Kok sind nachts um 3:00 Uhr noch Mädels alleine unterwegs, um nach Taxis oder Minibussen zu sehen. Natürlich sollte man nie unnötiges Risiko eingehen, aber Hongkong ist speziell für Westeners gefahrlos.

Christian am 09.11.08 um 00:54 Uhr

puh, das ist echt beruhigend.
danke, christian

ramona am 09.11.08 um 03:55 Uhr

Der letzte Eintrag hat mich sehr beeindruckt und ich sehe so einige Parallelen zu dem was bei mir im Kopf abgeht. Ich hoffe du kommst wieder gut an und es laeuft rund fuer dich.

Liebe Gruesse

Martin

Martin am 09.11.08 um 21:55 Uhr

Nachtrag: Es ist irre, wie sehr man sich körperlich schlecht fühlen kann, wenn einem die Psyche zusetzt.

Mein Magen sagt mir gerade mehr als mein Kopf, wie sehr mich die eine Sache mitnimmt. :-/

Christian am 18.11.08 um 03:29 Uhr

Hi Christian, ich kann Teile Deines Eintrags sehr gut verstehen, ich kenne das hier aus Spanien, man lebt eben anders. Ich würde das aber nicht als gut oder schlecht werten, eher als “Mein Bier oder nicht”.

Inzwischen, nach mehreren Jahren hier wohnen, ist dieses, früher mal von mir hoch gelobte Land (Espana) auf Normalmaß geschrumpft. Hier gibt es nicht weniger Mist, nur anderen. Ich fühle mich hier immer noch viel wohler als in Deutschland kann aber auch die Deutschen verstehen, und davon gibt es zur Zeit ziemlich viele, die unbedingt wieder zurück wollen.

Die Wettersache allerdings ist völlig unbestritten, dieses Grau macht mir schneller Depressionen, als ich denken kann.

Stefan Schoener am 21.11.08 um 13:35 Uhr
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