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Donnerstag, 12. April 2007, 20:46 Uhr

Plateau

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So würde ich meinen Zustand momentan beschreiben. Eine mir vollkommen neue Gelassenheit hat mich erfasst. Werde ich alt?

32 Jahre bin ich letzte Woche geworden. Z w e i u n d d r e i ß i g ... ich kann es gar nicht glauben. Ein paar Wochen nach meiner Geburt endet der Vietnamkrieg. Die DDR wird es noch vierzehn Jahre geben. Microsoft wird gegründet. Mao lebt noch. Internet? Computer? Haha, das Farbfernsehen wurde gerade erst acht Jahre zuvor eingeführt. Telefone dieser Zeit gibts nur von der Post und funktionieren mit Wählscheibe und Impulswahlverfahren und haben eine echte Klingel.

“Sollte” “man” in diesem Alter nicht woanders sein? Optimistisch geschätzt ist wohl knapp über ein Drittel meiner Zeit auf diesem Planeten ist abgelaufen. Habe ich sie verplempert bisher?

Kann ich nicht ganz einfach beantworten diese Frage, aber trotzdem ist das so ein Gedanke, der in meinem Kopf umhergeht. Gewisse Dinge habe ich irgendwie verpasst. Aber Vieles war ziemlich wenig vorhersagbar. Und viele dieser Sachen haben mich davon abgehalten, eine “Karriere” zu verfolgen.

Meine Erinnerung reicht so ungefähr bis zum Alter 3 zurück. Ganz schöne Reise seitdem. Und - das mag sich für Menschen, die das nicht so erlebt haben selbstmitleidig klingen - ziemlich harter Weg bis hier. Wars tatsächlich. Für mich überwiegen die negativen Eindrücke. Ganz besonders die Enttäuschung über die reale Welt. Irgendwie habe ich meine Vorstellungen darüber “wie Dinge sein sollten” nie mit meinen Erlebnissen in Einklang bringen können. Zum einen wegen der Unzahl an dummen, lauten, aggressiven und allgemein unangenehmen Menschen, die sich auf Kosten anderer breitmachen und bereichern und mit deren Dasein und Benehmen ich mich einfach nicht abfinden kann. Zum anderen wegen des Mangels an Übereinstimmung mit mir selbst und den Zweifeln, der Unsicherheit, Schwäche und mangelnden Selbstsicherheit, mit der ich zu kämpfen hatte und habe.

Ich trage das zwar nicht mehr mit mir herum, aber enttäuschend ist es trotzdem, dass besonders meine Schulzeit eigentlich nur mit einem Wort zu beschreiben ist: Qual.

Auch die ersten Jahre danach waren nicht gerade erquickend, rückblickend habe ich wohl eine Menge schlechter Entscheidungen getroffen, aber ich hatte damals einfach nicht die Weisheit, alles richtig zu machen. Nicht immer sind diese Umwege auch nutzlos gewesen: Erfahrungen lassen sich einfach nicht abkürzen. Man muss sie selber machen, so abgedroschen das ist.

Worauf ich hinaus will ... ich bin froh, der zu sein, der ich jetzt bin. Das steht im krassen Widerspruch dazu, wie ich mich noch vor zehn Jahren sah.

Die Liste der Probleme, die ich überwunden habe, ist lang. Das fängt von ganz banalen Dingen an, wie die Angst vor Dunkelheit oder Hunden oder die fiesen Albträume, die ich hatte, als ich noch sehr klein war. Klingt nicht schlimm. Ist es aber. Genauso schlimm wie Erwachsene, die kleine Menschen nicht ernst nehmen.

Und dann - puha, Pubertät. Bin ich dankbar, dass diese Hormonüberschusszeit vorbei ist. Dauergeilheit, aber jede Menge Pickel, die einen daran hindern, diese in vernünftige Tat umzusetzen. Eine fiesere Methode, sich über die Menschen lustig zu machen gäbs wohl nicht, liebe Mutter Natur. Und dann hat man irgendwann doch Sex. Büchse der Pandora. Wie gut, dass man am Anfang nicht weiß, was für Prüfungen und Verwicklungen mit dem Thema noch auf einen zukommen werden. Ich sollte Bücher darüber schreiben ...

Gut, damit wird wohl jede(r) irgendwann konfrontiert. Mir hat das Schicksal (?) dann netterweise noch Depressionen beschert, die sich so mit 16, 17 manifestiert haben und deren letzte Ausläufer noch bis ins letzte Jahr reichten. Über zehn verschissene Jahre, auch das ist unfassbar. Die Gründe dafür waren vielfältig und sicher nicht Thema für ein öffentliches Weblog. Außer mir selbst als “Verantwortlichen” könnte ich mit dem Finger auch noch auf ein paar andere Personen zeigen, aber was bringt das schon. Schlimm genug, dass es so lange gedauert hat. Liegt auch daran, dass ich selbst erst nicht wusste oder wahrhaben wollte, dass Depressionen eine Krankheit sind. Darüberhinaus mussten mir erst die zwischenzeitlich “normalen” Phasen klar machen, dass die meisten, die so etwas nicht selbst erlebt haben, wirklich nicht beurteilen können, wie es einem depressiven Menschen geht. Dabei kann ich Aussagen dieser Art überhaupt nicht ausstehen.

Trotzdem: “Depression” heisst nicht, dass man “mal etwas niedergeschlagen” ist. Da geht einfach gar nichts mehr. Nada. Dieser Selbsthass und das Gefühl, absolut nichts wert zu sein, sind furchtbar. Dazu absolut keine Energie, kein Funken Lebenswillen, kein Interesse an irgendetwas und keine Hoffnung, sich jemals wieder besser zu fühlen. Wirklich das einzige, was mich mehrfach davon abgehalten hat, irgendwo davor-, herunter- oder sonstwie abzuspringen war ganz einfach die Tatsache, dass das einen Antriebswillen vorausgesetzt hätte, der in solchen Situationen rein nicht vorhanden ist. Und so bitter das ist, selbst das macht einen fertig.

Alle gutgemeinten Ratschläge von anderen verschlimmern dazu alles noch viel viel mehr, weil man sich selbst daraufhin ständig vorhält, warum man sich so “hängen lässt”. Ob der Besuch eines Psychotherapeuten etwas bringt, kann ich nicht mit Sicherheit beurteilen, ich denke aber schon. Besser als die Tipps von Laien auf jeden Fall.

Letztendlich muss die Veränderung wahrscheinlich aus einem selbst heraus kommen. Noch so eine Abgedroschenheit, aber ebenso wahr. Ob regelmäßige Sprechstunden nicht eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzen, ist auch noch so eine Frage. Weiß ich nicht, ich habs nie versucht.

Denn was außerdem nicht gut war: In meinen bedrückten Phasen spürte ich eine Melancholie und Intensität von Gefühlen, die ich nicht glaubte wiederfinden zu können, wenn ich mich zu einer lebensbejahenderen Person wandeln würde. Ein gefährlicher Trugschluss, der einen nicht unbedingt dazu bringt, gesünder zu werden.


Erfreulicherweise hat sich bei mir in den vergangenen eineinhalb Jahren die Situation grundsätzlich und spürbar verändert. Es gab zwar immer mal auch kurze Rückfälle, aber in der Tendenz überwiegt eindeutig eine positive Einstellung. Das Leben hat sich entspannt. Ich würde nicht sagen, dass ich keine Probleme hätte, aber die rangieren im Bereich dessen, was ich “normal” nennen würde, ich zweifle jedenfalls nicht mehr so dermaßen an meiner Existenz.

Ich will auch nicht Alles aufs Thema “Psychoknacks” schieben. Warum ich einen Weg gegangen bin, der mir selbst auch nicht immer als der beste erscheint, liegt auch daran, dass ich viel zu ideale Vorstellungen von Schule und Uni hatte (das wiederum hat tiefergehende Gründe), zu kompromisslos und damit offensichtlich unsozial fürs und definitiv zu gelangweilt vom normalen Berufsleben bin, generell (immer noch) nicht weiß, was mich auf lange Sicht motivieren könnte und außerdem nie gelernt habe, hart an Dingen zu arbeiten, die mir absolut keinen Spaß machen. Dazu noch eine hohe Anspruchshaltung. Okay, vielleicht doch Psycho. Ich mache aber lieber eine “faule Intelligenz” zum Sündenbock. Viele Dinge sind mir zu schnell zu durchschaubar. Und nichts hasse ich mehr als stupide Wiederholungsarbeit.


Der Umzug nach San Francisco war jedenfalls gut. Nicht mehr in Deutschland sein zu müssen, ist eine Wohltat. Echt. =) Außerdem hat sich die finanzielle Situation stabilisiert, was mich durchaus besser schlafen lässt. Ja und das ist das Irrsinnigste: Über mehrere Monate schon werde ich vor Mitternacht müde, schlafe in Nullkommanix ein und wache morgens gegen Sieben entspannt auf, um dann gleich erstmal ins Gym zu gehen. Wer mich kennt, weiß wie irre diese Vorstellung ist. Nunja, das Alter ... irgendwann schlafe ich wahrscheinlich nur noch 5 Stunden pro Nacht. Und auch wenn die Leute hier mehrheitlich einen in der Schüssel haben - nichts bringt mich zurzeit mehr zum grienen, als hier die Straße runterzulatschen, die Sonne zu genießen, die Kulisse zu sehen. Nur ein Motorrad fehlt mir noch zu meinem Glück. Und gelegentlich ein Mensch zum reden.

Außerdem: Ich bin befriedigt vom Verreisen; mein Fernweh scheint fürs Erste gestillt zu sein. Die Trips dieses Jahr nach Hongkong und von dort nach Sydney, Bali, Paris, London, (selbst Hannover), Tokio und Kusatsu waren alle gut, aber zum ersten Mal seit Jahren spüre ich kein Verlangen danach, gleich wieder das nächste Flugticket zu kaufen. Nur ein Trip nach New York steht in der letzten Aprilwoche noch an.

Also habe ich hoffentlich endlich die Ruhe, mich um andere Dinge zu kümmern. Ein paar irre Ideen habe ich noch. Und die will ich umsetzen, bevor ich vierzig werde. (-:

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Kommentare:

Also erstmal herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag. Und dann Gratulation zu so einem gelungenen Eintrag.
In diesem Sinne sollte es dann wohl auch weitergehen…

Tim am 13.04.07 um 10:21 Uhr

Alles Gute nachtraeglich!

Super Eintrag, weiter so!

Chris am 13.04.07 um 10:51 Uhr

Von meiner (Web-)Seite auch alle Gute nachträglich zu deinem Geburtstag. Ich hoffe demnächst auch noch eine solche Plateauphase zu erleben ;-)

HK Chris am 13.04.07 um 11:02 Uhr

Wünsch dir nachträglich alles Liebe und Gute zum Geburtstag!!
Das bei dir weiterhin alles irgendwie so weiterläuft wies weiterlaufen soll ;-)

Leni am 14.04.07 um 19:30 Uhr

Sehr netter Text, gerne gelesen. Ich bin ja noch etwas jünger, aber vor der 30 hab ich Respekt, 32 ist ein guter Zeitpunkt an dem die Gelassenheit einsetzen kann denke ich ;-)

Schöne Grüße

Marvin am 14.04.07 um 20:44 Uhr

Hey Christian, alles Gute nachtraeglich zu deinem Geburtstag. :-)

Wenn ich deinen Eintrag lese, wird mir klar, wie schwer es heut zu Tage ist weise und erfahrene Menschen, wie dich zu finden.

Lass uns doch mal wieder bei Gelegenheit chatten oder skypen. Leider haben wir uns ja in Sydney nicht gesehen.

Alter, hau rein. Ich wuensche dir, dass all deine Ziele (die, die dich wirklich gluecklich machen) in deinem 32. Lebensjahr und danach in Erfuellung gehen.

strauss am 16.04.07 um 20:32 Uhr

Auf gehts!!!

martin am 16.04.07 um 22:47 Uhr

Glückwunsch - hatte an Deinen Geburtstag gedacht :) Freut mich dass es Dir jetzt gut geht. Liebe Grüsse aus Basel

c. am 17.04.07 um 16:58 Uhr

Glückwunsch! Liest sich super, klingt (mittlerweile) super, lass krachen und viel Spaß in NY!

Falco am 17.04.07 um 17:26 Uhr

Wie ich auf diese Seite gekommen bin weiß ich eigentlich gar nicht mehr so genau ... aber dein Eintrag hat mich sehr beeindruckt ... wünsch dir alles Gute
Carmen

Carmen am 25.04.07 um 14:10 Uhr

Herzlichen Glückwunsch nachträglich!

Stefan

Stefan Schoener am 04.05.07 um 12:34 Uhr

Hey, hab dein Blog gefunden, weil ich mich mal über SF informieren wollte, insb. über Deutsche die dorthin immigirert sind…
... und ich will zu diesem Posting kurz was mitgeben:

Du kannst vermutlich stolz darauf sein, wie du deine Depression gemeistert hast. Ich selbst hatte damit zu kämpfen, es ist normal damit mehrere Jahre zu kämpfen. Allerdings kann man an allem etwas positives sehen, und wenn man das schafft, dass ist man auf dem richtigen Weg meiner MEinung nach.
Überleg einmal, was du aus dieser Zeit gelernt undmitgenommen hast. Wohin es dich gebracht hat und wie du dich dadurch zum positiven geändert hast.
Bei mir war es so, extrem einschneidend, eine extreme Erfarhung aber mit extremen Lerneffekten. Ich denke, es hat mich insg. sehr viel weiter gebracht und meine Persönlichkeit zum guten geformt. Zum Glück, und so geht es dir ja gerade auch, bin ich durch die “Durststrecke” seit einigen Jahren durch.
Unterm Strich: suche das positive und das wegweisende in den Dingen die wir passieren.

Und was mir noch zum Thema “Enttäuschung über die reale Welt” einfällt: Schau doch in dich hinein, schau was du willst und forme die Welt, wie du sie haben möchtest. Möglich ist es, und du siehst, wie sich auch deine Umwelt anpasst, an das was du möchtest (mit deinem Umzug nach SF hast du das ja z.B. auch schon in die Wege geleitet...). Start with the Man in the Mirror und versuch der beste zu sein, der du sein kannst - das mache ich und das lässt keine Raum für die Enttäuschung über die reale Welt :)

Viel Glück und Erfolg,

M.

M. am 17.06.07 um 16:36 Uhr

Dabei fing mal alles so gut an, in einem Kriechkeller am Rehmer Feld.

a am 01.02.10 um 02:58 Uhr
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