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Dienstag, 22. April 2008, 12:22 Uhr

Politische Depression

Ist es ein Wunder, wenn man manchmal nur abschalten möchte und sich eben genau nur Konsum und den “schönen Dingen des Lebens” widmet, statt sich wirklich mit den Geschehnissen dieser Welt auseinanderzusetzen?

Wieso ich das überhaupt mache, frage ich mich. Es grenzt an Masochismus. Wenn ich Nachrichten aus den verschiedenen Ländern (USA, Deutschland, Hongkong, China) sehe, höre, lese und vergleiche, möchte ich manchmal anfangen zu heulen über die Ungerechtigkeiten und Unglücke und unnötigen Missverständnisse, die auf dieser Welt geschehen. Wieso betrifft mich das? Ich wünschte, ich könnte einfach abschalten, wie manche dieser Menschen um mich herum, die sich um nichts außer um ihre direkte Umgebung kümmern und mit den naivsten Vorstellungen durchs Leben gehen. “Ignorance is a bliss” - es wird immer so sein.

Die Unbelehrtheit, mit der Medien und Menschen über jeweils andere Länder urteilen, ist erschreckend. Es erschlägt einen manchmal geradezu. Es geht doch auch anders, das beweisen viele Menschen aus meinem Freundeskreis.

Die internationalen Nachrichten der letzten Wochen mit dem Aufflammen des Tibetkonflikts und den jetzigen nationalistischen Demonstrationen in China stimmen mich sehr besorgt (um es diplomatisch zu sagen). Da ich leider kein Chinesisch lesen kann, bin ich darauf angewiesen, das Stimmungsbild meiner Freunde hier in Hongkong abzufragen und Blogs wie das exzellente EastWestNorthSouth zu lesen.

Unter anderem ist da ein Blogeintrag eines/r Chinesen/in in Deutschland: Die gehirngewaschenen Deutschen und dämonisiertes China. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, so deprimierend ist das zu lesen. Da sind die Deutschen auf der einen Seite mit ihrer geradezu herablassenden und besserwisserischen Art und dann der oder die Autor/in mit ihrem Unverständnis und naiven Annahmen über Medien und Politik. Der tiefste Punkt ist für mich wahrscheinlich mit den letzten beiden Absätzen erreicht. Auf der einen Seite wird den Deutschen Nazi-Denken und -Erbe vorgeworfen um dann selbst Gedankengut des Nationaldarwinismus zu verfallen. :(

Was mich so negativ stimmt:

Natürlich die Gewaltausbrüche in Tibet an sich. Ganz ohne Schuldzuweisung. Niemals sollte es irgendwo so weit kommen sollen.

Darüberhinaus:

Die westliche Öffentlichkeit muss sich wirklich fragen, ob sie den Tibetkonflikt verstanden hat. Die westlichen Medien sind ganz sicher nicht die besten Quellen, um sich mit der Entstehung der Krise auseinanderzusetzen und eine korrekte Bewertung vorzunehmen. Ich bin immer wieder erschrocken darüber, wie platt und einfach, schlecht recherchiert und dumm selbst angeblich renommierte Nachrichten berichten. Speziell dafür, dass “Der Spiegel” sovielen Deutschen als ihre beste Informationsquelle gilt, schäme ich mich. Reißerisch, teilweise simplifizierend bis zu Verfälschung und sprachlich auf schlimmstem Niveau. Es ginge so viel besser! (Und dann gibts tatsächlich Leute, die Focus lesen, weil ihnen die Berichte im Spiegel zu lang sind?!)

Auf der Gegenseite geht der Vorwurf der “Propaganda” westlicher Medien einfach voll daneben. Es tut mir leid, westliche Medien sind tatsächlich unabhängig vom Staat. Sicher nicht unabhängig von Meinungen und Märkten, aber zumindest nicht unter der Kontrolle einer Regierung und Zensur. Und das ist bei chinesischen Quellen nun einmal nicht gegeben. Mal von “Pressefreiheit” ganz zu schweigen. Kein westliches Land wird ausländischen Reportern den Zugang zu Gerichtssälen oder Regionen verweigern. So geht es nicht! Kein Wunder, wenn Medien dann nur sehr ungenau oder falsch berichten können.

Was mir wirklich Angst macht, sind die neuerlichen Anzeichen dafür, wo ich Geschichte sich wiederholen sehe - und das möchte ich wirklich darauf schieben, dass ich Deutscher bin und mich an meinen Geschichtsunterricht erinnere: Nationalismus bringt nur Unheil mit sich.

Es scheint so zu sein, dass in China auf das alte und gefährliche Rezept gesetzt wurde, Unzufriedenheit und Agression in Nationalismus zu umzumünzen um so von inneren Problemen abzulenken. Hatten wir das nicht schon einmal? Wie vergiftet wird die Atmosphäre durch so ein Denken? Ich will mir gar nicht ausmalen, was diese Saat in den nächsten Jahrzehnten noch hervorbringt, gerade in Sachen Japan, Taiwan, Tibet, etc.

Parallelen im US-Wahlkampf und allgemeiner US-Politik: Für jede noch so lächerliche Äußerung und Darstellung, die man “unpatriotisch” bewerten könnte, werden Menschen angefeindet und jegliche sinnvolle Diskussion erstickt.

So ist es dann natürlich auch kein Wunder, dass man blind und taub wird für berechtigte oder meinetwegen auch unberechtigte Kritik aus dem Ausland - und hier haben chinesische und amerikanische Politik und Öffentlichkeit durchaus etwas gemeinsam.

Deutschland ist weit davon entfernt, ein perfektes Land zu sein, aber ich glaube schon, dass es wie andere Länder Europas eher bereit ist, auf Ratschläge und Meinungen zu hören und mit Kritik konstruktiv umzugehen.

Ich wünschte, die Menschen würden mehr aufeinander eingehen und ihren unsinnigen Nationalstolz wegwerfen - ohne ihre Kultur zu verlieren! Ich wünschte, Menschen würden sich in verschiedenen Ländern umsehen und lernen, wie mit verschiedenen Problemen und Konflikten umgegangen wurde, um dann zu versuchen, die jeweils beste Lösung für ihr Land/ihre Region anzuwenden. Ich wünschte, Menschen wären mehr in der Lage, Kritik und abweichende Meinung zu akzeptieren und falls notwendig, daraus zu lernen.

Ich wünschte, wir wären als Menschheit soviel besser und würden uns nur vorwärts entwickeln.

Ich wünsche mir Aufklärung, Freiheit, Selbstbestimmung, gegenseitige Unterstützung, Respekt, Rücksichtnahme und Verständnis für alle Menschen dieser Welt!

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Kommentare:

Bravo!

Gonzo am 22.04.08 um 14:39 Uhr

ich finde es auch sehr deprimierend die ganze situation. :/ besonders weil ich alles verstehen kann. DIE ZEIT ist momentan das einzige was ich noch vertragen kann was tibet und china angeht.

am anfang (also vor 2 wochen oder so) hab ich noch versucht, in studivz oder in irgendeinem forum etwas zu schreiben oder mit irgendjemandem zu diskutieren.

jetzt nicht mehr. “ignorance is a bliss”, das kann ich nur bestätigen/zustimmen. tragisch aber wahr.

Tung am 22.04.08 um 14:44 Uhr

Oh, ich verstehe diesen Rückzug nur zu gut. Man nimmt an, dass die Menschen etwas lernen wollten. Dass ihre Meinungen nur deswegen bestehen, weil sie uninformiert sind. Aber dann fängt man an, zu diskutieren und trifft nur auf bornierte Sturheit.

Dieses ganze Thema tut mir so weh, ich wollte erst gar nichts dazu schreiben - aber ich weiß, dass es noch mehr Menschen gibt, denen es genauso geht. Die Stimmen der Vernunft werden nur immer zu leise sein.

Christian am 22.04.08 um 15:20 Uhr

...ich mach mir in die Hose, am Sonntag haben sie einen Amerikaner ausserhalb eines Carrefour angegriffen in Zhuzhou, als Franzosen beschimpft und ein bisschen verprügelt.

Hoffentlich legt sich das wieder, will nicht auch diesen Hass abbekommen… Aber Shanghai ist da hoffentlich sicherer.

Jakob Montrasio am 22.04.08 um 16:36 Uhr

Zitat aus dem verlinkten Blog:

“ech one of us Chinese overseas students is working hard and enduring the suffering.  Several decades into the future, will China collapse like the Germans hope?  Or will China be so strong that they will collapse?”

oweia was ist denn da schief gelaufen mit diesem Austausch-Student aus China? Paranoid und zudem selbst auf einem heftigen National-Trip?

Ich meiner Studienzeit und Arbeitszeit in China habe ich zum Glück keine solche Meinungen vernommen (gut war auch HK). Generell halte ich es eh mit Helmut Schmidt - wer sind wir das wir uns in die Angelegenheiten von autonomen Staaten einmischen?

Felix am 23.04.08 um 11:34 Uhr

Hallo,
zufällig auf Deiner Seite gelandet und ein bißchen rumgestöbert. Zwar immer noch keine Happy Valley Öffnungszeiten aber definitiv interessante Texte gefunden. Mit dem obigen hast Du voll und ganz mein Empfinden in den letzten Monaten getroffen.
Schade, dass Du schon wieder abreist, hätte ja gerne mehr von hier gelesen.

Grüße und noch ne schöne Zeit hier, Iris

Iris am 25.04.08 um 15:10 Uhr

also, ich sag mal, was ich dazu weiss. ich hab mich an keinen medien orientiert, weder an “westlichen” oder “chinesischen”. ich hab versucht mir ein eigenes bild zu machen so gut es eben geht. vor ort, also in china selbst zu sein, dazu hab ich nicht die mittel. ich schreib nur auf, was ich dazu weiss. in china gibt es 56 nationalitäten. 90 Prozent davon sind han-chinesen und die regieren das land. die anderen ethnischen gruppen sind uiguren usw. und eben auch tibeter. vor 1950 war tibet ein freies land und hat nie zu china gehört. (heute auch nicht, es ist immer noch besetzt). 1950 besetzte china tibet, bis heute. der dalai lama musste 1959 fliehen nach einem aufstand seiner landsleute gegen die chinesische unterdrückung. seitdem sind sehr viele tibeter geflohen nach indien oder anderswo. es hat immer wieder proteste der tibeter gegeben, die jedesmal, wie der letzte aufstand vor ein paar wochen wieder und wieder brutal niedergeschlagen wurden. die tibeter haben keine freiheiten und sind mittlerweile eine minderheit in ihrem eigenen land. tibet ist flächenmässig nur noch halb so gross wie vor 1950. ausserdem behandeln die chinesen auch viele andere minderheiten ziemlich schlecht. china hat in tibet nichts zu suchen. garnichts! in keinem anderen land der welt gibt es so viele hinrichtungen im jahr wie in china. 4000 offiziell. die dunkelziffer will ich garnicht wissen. das sind die fakten, die ich kenne. aber die reichen schon, um mir zu zeigen, das china ein verbrecherland ist, genau wie die u.s.a! wenigstens hat china nicht den titel mit den meisten gefangenen. den hat die u.s.a! für mich ist ganz eindeutig in diesem tibetkonflikt ganz eindeutig china der schuldige. mir egal, ob ihr mich jetzt für dumm haltet. ich hab meine meinung dazu gesagt und nur fakten genannt und mich auch nur an die fakten gehalten. für mich ist die sache eindeutig.

Christian2 am 30.04.08 um 19:13 Uhr

Hier mal zwei interessante Artikel zu dem ganzen Getöse, die ein wenig differenzierter sind:

http://www.sueddeutsche.de/deutschland/meinung/306/174783/
http://www.perlentaucher.de/artikel/4611.html

und noch etwas Interessantes:

http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/704/175180/

Christian am 20.05.08 um 00:56 Uhr

zum 1. Artikel: es stimmt. es gibt zwei verschiedene forderungen der tibeter. freiheit für tibet heisst für die einen mehr recht auf autonomie, kultur, religion usw. für die anderen heisst das, ein eigener staat (eben wie vor 1950). ich sehe das eher als einen generationenkonflikt zwischen jungen und alten tibetern. die jungen tibeter sind nun mal nicht mehr bereit, der alten strategie des dalai lama zu folgen. fakt ist nun mal, das der seit über 50 jahre andauernde “friedliche” widerstand den tibetern nichts genutzt hat. und das die u.s.a sich da einmischen war klar. das machen sie natürlich nur aus gründen, die ihnen vorteile bringen könnten. in wahrheit sind ihnen die tibeter egal. die benutzen sie nur als tarnung.  wenigstens hat der verfasser dieses kommentars noch erwähnt, das es fakt ist, das den tibetern unrecht widerfährt durch die chinesen. bevor ich den artikel zu ende gelesen hatte, kam es mir echt vor, als wolle er die tibeter lächerlich machen.

zum 2. artikel. der absatz hat mir sehr gefallen in diesem artikel.

“Nach außen hin konnte sich die chinesische Regierung mit ihrer Sicht der Dinge aber schon immer nicht so gut durchsetzen. Dementsprechend lädiert war das Image. Im Netz könnte sich das nun ändern. Denn hier gilt das Gesetz der großen Zahl. Das Netz ist nicht demokratisch, sondern demografisch. Auch bei renommierten Internet-Nachrichtenmedien wie Spiegel online entscheiden die Klickzahlen mit, wie lange eine Geschichte auf der ersten Seite zu sehen ist. Leser und Medium sind enger verbunden als zuvor, augenblicklich erfahren die Redakteure, was ankommt und was nicht. Danach gestalten Sie ihr Angebot. Weltweit gesehen dominiert also diejenige Meinung, die von den meisten Menschen beachtet wird. Damit verändert sich die internationale Nachrichtenlandschaft. Die Bedeutung früherer Leuchttürme wie BBC und CNN sinkt.”

ja, das ist auf der einen seite echt traurig. je mehr menschen sich einer meinung anschliessen, desto wichtiger ist sie. ob diese meinung den tatsachen entspricht, wird leider zunehmend unwichtiger. oft wird dannn die wahrheit unter den teppich gekehrt. is ja richtig, das die chinesen ihre meinung sagen, aber nur weil sie so viele sind , haben sie noch lange nicht recht. sie versuchen sogar zu manipulieren, und das ist wirklich das allerletzte. die chinesen glauben zwar an das, was sie da sagen, aber meiner meinung nach nur, weil sie es nicht besser wissen. die wahrheit und die historischen fakten, werden ihnen verschwiegen von ganz oben (ich sag nur staatszensur in china) und deswegen haben sie diese meinung. echt traurig. und dieser schwachsinn mit der “dalai lama clique”. das ist so bescheuert, dazu fällt mir nichts mehr ein. alles nur ekelhafte, lügnerische propaganda von oben.

zum 3. artikel. dazu hab ich schon alles im kommentar zum 1. artikel gesagt.

“und das die u.s.a sich da einmischen war klar. das machen sie natürlich nur aus gründen, die ihnen vorteile bringen könnten. in wahrheit sind ihnen die tibeter egal. die benutzen sie nur als tarnung.”

es geht immer nur um macht und einfluss. völlig egal, welcher staat, welche organisation. es geht immer nur um macht und einfluss. echt zum verzweifeln ist das. traurig aber wahr.

zum schluss möchte ich noch sagen, das es aber nun mal fakt ist, das die chinesen die tibeter schlecht behandeln. daran tragen die tibeter keine schuld!!! soviel dazu.

Christian2 am 20.05.08 um 02:33 Uhr

Hat ja nie jemand etwas anderes behauptet.

Ich bin ganz sicher niemand, der die KP toll findet oder was sonst so mehrheitlich in der VR China passiert, dürfte wohl auch nach Lesen des Beitrags klar sein.

Mir gings eher darum: Fragt man die meisten Westler, die munter “Free Tibet!” skandidieren, was sie sich darunter vorstellen, dann merkt man schnell, wie wenig Ahnung sie haben.

Man nehme nur mal Nordirland, das Baskenland und Korsika in Europa als Vergleich, da gibt es durchaus Parallelen - und frage dieselben Leute übrigens mal, was sie davon halten würden, wenn Chinesen “Free X, Y, Z!” rufen würden. Ich kann mir die Antworten schon vorstellen: “Das sind doch Terroristen.” oder “X, Y, Z war schon immer französisch/britisch/spanisch.” :-)

Dass die Chinesen im Festland wenig Möglichkeiten haben, sich gut zu informieren, dürfte darüberhinaus nicht zur Debatte stehen. (Rechtfertigt trotzdem keinen Unterdrückung von Minderheiten und auch keinen Fremdenhass, nur um das klarzustellen.)

Die westlichen Medien und -konsumenten hätten die Möglichkeiten aber schon, aber Tiefgang - Fehlanzeige.

Da trifft also Uniformiertheit auf Dummheit - und das war, was mich so deprimierte.

“Freies Land vor 1950” ist so eine Sache. Nach außen oder nach innen stellt sich die Frage. Demokratie gab es in Tibet nie. Interessant darüberhinaus die Stilisierung des Dalai Lama zum Popidol. Warum brauchen Menschen immer so Identifikationsfiguren, die immer hoffnungslos idealisiert werden? Auch hier wieder Parallelen zu bisherigen Personen der Zeitgeschichte: Ghandi, Walesa, Mandela, Gorbatschow ... auch nicht immer gerade Waisenknaben. Aber die Herde will wohl ihre Leithammel.

Wie auch immer, wir werden sehen, was passiert.

Christian am 20.05.08 um 23:34 Uhr

yupp, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Christian2 am 21.05.08 um 00:02 Uhr
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